Freitag, April 24, 2009

Joh. Wolfg. v. GOETHE (1749 – 1832)

„... Gefällt mir die Welt?“























Lynkeus der Türmer

Zum Sehen geboren

zum Schauen bestellt,
dem Turme geschworen
gefällt mir die Welt.
Ich blick’ in die Ferne
und seh’ in der Näh
den Mond und die Sterne,
den Wald und das Reh.

So seh’ ich in allen
die ewige Zier,
und wie mir’s gefallen,
gefall’ ich auch mir.
Ihr glücklichen Augen,
was je ihr gesehn,
es sei wie es wolle,
es war doch so schön.


Die Frage überrascht.
Man stellt sie sich ungern, um nicht mit "nein" zu antworten.

Das Gedicht bejaht sie. Es gehört vielleicht deshalb - wegen seines strahlenden Mutes - zu den bekanntesten der Deutschen Literatur, obwohl es Teil eines immer fremd gebliebenen großen Werkes ist, des FAUST II.

Wie ist es möglich, daß man mit über Achtzig sein Leben so schön gefunden hat, wie man es sich mit Vierzehn wünscht, wenn man dieses Gedicht zum ersten Mal mit Begeisterung liest?

Goethe ist 81 Jahre alt, als er den FAUST II abschließt. Er beleuchtet und deutet darin das anbrechende technische Zeitalter mit seiner Maschinen- und Geld-Vermehrung. Er erfindet dafür eine Überfülle von Bildern und Figuren amusanter und tiefsinniger Art, die als schwierig zu deuten gelten.

Das Lied vom Türmer, der auf dem Schloss vom alten Faust die Wache hält, leitet eine Szene des letzten Aktes ein. Goethe, der im hohen Alter Stehende, platziert LYNKEUS auf die Höhe des Turms mit dem breitesten Überblick über alles um und unter ihm und lässt ihn sagen, dass er zu solchem Sehen geboren ist und dass das sein Beruf ist.

LYNKEUS, hinter dem man hier glaubt Goethe zu hören, beschreibt, was dieser Blick alles umfasst; den gestirnten Kosmos, die Erdnatur, bis zum feingliedrigen Lebewesen, für das als pars pro toto das Reh gewählt ist.
Der verwendeten Liedform haftet nichts Schwieriges an; keine reichen, vieldeutigen Formulierungen verrätseln sie.
Das einzige Rätsel ist, wie eine so strahlende, überzeugte Weltbejahung bei einem modernen Menschen zustande kommt.

Um die schlichte Liedform nicht zu glatt laufen zu lassen, ist in die Mitte der ersten Strophe eine Bremse einbaut. Wenn man zur 6. Zeile kommt, erwartet man „in der Näh“ den Wald und das Reh, und nicht den Mond und die Sterne, die ja „in der Ferne“ sind. Man muss also einen Augenblick anhalten, um die Überkreuzung der Zeilen zu bemerken; was der Aufmerksamkeit für das Gedicht gut tut.

Umso entspannter geht es in der zweiten Strophe weiter mit dem Lob der Welt:
Es werden zwei Gründe genannt, warum dem Dichter die Welt gefällt. Zum einen aufgrund der hohen Perspektive über alle Zeiten, die er wählt; Es ist die „ewige Zier“, die er über alles Wechselnde hinaus erkennt. Zum zweiten nennt er einen überraschenden Grund: Gleich stark ausgeprägt wie sein Gefallen an der Welt ist sein Gefallen an sich selbst. Wie bei einer gut eingestellten Waage halten sich das Ich und das Andere im Gleichgewicht. Das Ich zeigt keine Komplexe.

Dann folgt mit dem Abschluss der letzten Strophe ein Begeisterungs- ausbruch, wie man ihn kaum einem jungen Menschen zutraut. Rückhaltlos spricht der Dichter sein Glücksempfinden aus über alle Erscheinungen dieser Welt, mit denen ihn sein langes Leben konfrontiert hat.
Mit einem Seitenblick schüttelt er die Skeptiker ab:
„Es sei wie es wolle,
es war doch so schön“

Ist der begünstigte Lebenslauf Goethes die Grundlage für eine derartige Bejahung der Welt?

Der Lebenslauf Goethes hat ohne Zweifel seine hellen Seiten; aber auch seine dunklen. Bis ins Jahr vor Goethes Geburt lebt noch Joh. Seb. BACH; der Großmeister des Barock. In Goethes Kindheit spürte Frankfurt noch das Mittelalter, mit Zunftwesen, Nachts verschlossenen Stadttoren, feierlicher Kaiserkrönung, öffentlichem Richtplatz, auf dem der Henker eine Kindsmörderin köpfte.

1755 wurde Europa erschüttert durch das Erdbeben von Lissabon, das 60.000 Opfer forderte und bei den Zeitgenossen Zutrauen in die Güte Gottes kostete. 1756 brach der 7-jährige Krieg aus und 1789 beseitigte die Französische Revolution unter den starrenden Augen Europas die alte, tausendjährige Feudalordnung.

1792 begannen die Koalitionskriege der Europäischen Dynastien gegen die Französischen Revolutionstruppen und bei der Kanonade von VALMY war Goethe mit dem Regiment seines Herzogs von Weimar dabei. Er macht den Rückzug der Truppen vor den Franzosen mit „zwischen Kot und Not, Mangel und Sorge, Gefahr und Qual, zwischen Trümmern und Leichen“. 20.000 Mann gingen durch Seuchen, unbehandelte Wunden, Nässe auf dem Rückmarsch zugrunde.

1806 wurde beim Sturm der Französischen Truppen Weimar und Goethes Haus besetzt. Nach den Schlachtensiegen von Napoleon war der winzige Weimarer Staat, dessen Herzog sich an die Preußen gebunden hatte, in seinem Fortbestand dem Wohlwollen Napoleons ausgeliefert. Goethe befürchtete die Annexion des Herzogtums an Frankreich.

Ein Weimarer Beobachter schreibt mit Spott und halbem Ernst, Goethe sähe sich bereits am Bettelstab mit seinem Herzog durch die Dörfer wandern und die Leute sagten, das ist der alte Goethe und der ehemalige Herzog von Weimar, den der Französische Kaiser seines Thrones entsetzt hat. Das Herzogtum blieb erhalten, weil der Erbprinz von Weimar eine Zarentochter geheiratet hatte und Napoleon den Zaren nicht verärgern wollte. Goethe behielt seine reich ausgestattete Bleibe, die zum Treffpunkt des gebildeten Europas geworden ist.

Er beobachtet mit hellsichtiger Skepsis in dem beginnenden 19.Jahrhundert das Anwachsen der Geld- und Maschinenkraft, der das Individuum hörig wird. Er beobachtet mit Ablehnung die Rückwendung zum Historischen, zum Altdeutschen, zum Sehnsüchtigen bei der jungen Dichter- und Malergeneration; sie kommen ihm schwärmerisch und schwach vor „als lägen sie im Lazarett“.

Diese Erfahrungen als Dichter und Minister in einer politisch gefährlich schwankenden Zeit haben seine Weisheit gebildet. Und dieser Weisheit letzter Schluss scheint der Extrakt zu sein: „Es war doch so schön“.

Ein besonders einfacher Lebensverlauf kann der Grund für diese Weltbejahung nicht gewesen sein. Er muss woanders liegen. Es bieten sich Möglichkeiten an:

Goethe war seiner Veranlagung nach ein Augenmensch. „Zum Sehen geboren ...“ Das Sehen war Instrument seines Lernens und Lebensgenuss. Das Lob der „glücklichen Augen“ weist darauf hin. Die Schönheiten der Welt zeigen sich am auffälligsten im Sichtbaren.

Goethe hatte ein ausgeprägtes, stark machendes Selbstwertgefühl:
“... Gefall ich auch mir“

Goethe versetzte sich, als er dieses Lebensresumee verfasste, in eine ganz hohe Perspektive: „..dem Turme geschworen“. An seinen Freund ZELTER schrieb er um die gleiche Zeit: “Nach so vielen Jahren war nun zu übersehen: Das Dauernde, das Verschwundene. Das Gelungene trat hervor und erheiterte, das Misslungene war vergessen und verschmerzt“.

Wer das kann, kann vielleicht eher sagen:
„Es sei wie es wolle, es war doch so schön“

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