Freitag, September 18, 2009

Jake und Dinos CHAPMAN (*1966 | *1962)

„DNA ZYGOTIC“ – Schiefgegangen?





















Skulptur. Fiberglas, Harz und Farbe, 190 x 90 x 90 cm

Die beiden Künstler Jake und Dinos CHAPMAN werden im Katalog der SAATCHI GALLERY, London: „100 – THE WORK THAT CHANGED BRITISH ART, 1997”, so vorgestellt:

“... Die Chapmans träumen die Albträume der Nation… Das Verstörende ihrer künstlerischen Produkte ist nicht die Gewalt, der Zynismus, die Perversion. Es ist die sich auftürmende Frage:
WAS WENN?


Was wäre wenn unter unserer ungehemmten Bereitschaft zur (Gen-)Manipulation unversehens ein solches Lebewesen entstünde, wie die Künstler es hier vorstellen? Beim Besuch der Londoner Ausstellung steht die Skulptur dem Betrachter lebensgroß gegenüber und weckt mit dem ersten Anblick Schaudern.

Warum?
Die vorgestellten Menschenkinder haben reizende Glieder und Gesichter, die verspielt wirken und in keiner Weise unglücklich erscheinen. Aber sie haben zu viele Gesichter; zwölf Gesichter auf
4 Beinen.

Es graust dem Betrachter, weil er den Hinweis auf unsere Realität erkennt. Es ist etwas Schreckliches passiert: die Keimzelle („ZYGOTE“ ) dieses 4-beinigen Lebewesens ist mutiert, hat sich in unvorhersehbarer Weise verändert. Unvorstellbar Schlimmes ist in der Skulptur wirklich geworden und trägt Nike-Turnschuhe.

Nach dem ersten Schrecken merken wir verblüfft, dass uns das gefällt. Uns gefallen nicht nur die schlanken Beine in den üppigen Schuhen, sondern auch die zu Kleeblattformen zusammen gewachsenen Köpfe, die ihr dichtes Haar schütteln. Der Rumpf des Wesens, aus dem die Beine wachsen, schiebt sich nach hinten als Körper eines Reittieres und trägt die uralte Erinnerung an den Mythos des antiken Kentaur in die Moderne, dessen Körper ein Pferd und dessen Kopf ein gütiger Alter war. Aus einem solchen Kentaur-Rumpf wachsen, als Missgeburt, zwölf Mädchenköpfe.

Die für uns schreckliche Vorstellung wird von den Künstlern als Schönheit geboten und zieht uns in einen Konflikt: Was überwiegt? Sollen wir uns dem Reiz der Skulptur überlassen oder vor dem Schrecklichen schaudern?

Dass wir beides auf einmal tun, macht die Gewalt aus, die die Skulptur auf uns ausübt. Sie entsetzt und entzückt uns in einem. Das kann kein Lehrbuch, aber das kann die Kunst.

Das Rätsel dieses Kunstwerks ist, warum es den beiden Künstlern einfällt, das Schlimmste, was uns für unseren Nachwuchs passieren kann, schön darzustellen?

Ist diese Missgeburt eine zynische Verharmlosung unserer Ängste (die uns seit Contergan immer gegenwärtig sind) oder steckt eine andere Idee dahinter? Der Ernst des Eindrucks, mit der die Skulptur wirkt, lässt auf eine ernsthaftere Idee schließen.

Die beiden Künstler haben offensichtlich alle Möglichkeiten umkreist, die die Manipulationen unserer Medizin und Biologie am Erbgut vornehmen könnten und stellen dabei mit ihrer Skulptur eine ungeheuerliche Hypothese vor:

Wenn wir als Macher in die Lebensvorgänge eingreifen wollen, könnte sich der Spieß umdrehen und die Natur sich unseren sorgfältig geplanten Manipulationen aktiv entziehen. Sie könnte aus ihrem unbegrenzten Formvorrat neue Menschenbilder kreieren, die nicht mehr den Mangel der Missgeburt tragen, sondern eine uns fremde Harmonie und Stimmigkeit besitzen, die wir nicht verstehen, die mit unseren Generationen nichts zu tun hat und mit der wir nicht umgehen könnten.

Die Hypothese der Künstler könnte lauten: Die gestaltende Kraft der Natur ist stärker und variantenreicher als jede Manipulation auf unserer Seite und kann uns schrecklich überraschen. Die Natur könnte sich unseren missglückenden Versuchen entziehen und auf Lebensformen ausweichen, die wir gar nicht als unsere eigenen erkennen, wie diese vorgestellte Skulptur. Wir müssten mit solchen Geschöpfen leben und wüssten doch nicht, wie?

Die Beunruhigung der Künstler ist wohl: Dürfen wir das Leben mit unserer vorangetriebenen Wissenschaftlichkeit in der Weise herausfordern, wie wir es tun?
Ihre warnende Antwort: Besser nicht.

Die Skulptur ist ein weit getriebenes, aber deutliches Beispiel für ihre Warnung. Künstler sind uns immer ein bisschen voraus.

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