Montag, Dezember 05, 2011

Vom Ursprung der Kunst

VORSTELLUNG UND DARSTELLUNG
Die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Welt sind ein zentrales Menschheitsthema. Sie entscheiden über unsere Vorstellungen von Leben und Tod und allem dazwischen – und bleiben doch Vorstellungen. 
Wie die Welt wirklich ist, außerhalb unserer subjektiven Wahrnehmung, wissen wir nicht. Die Philosophen als Vordenker über Wirklichkeit und Wahrheit wurden je moderner umso skeptischer, ob wir die Welt an sich je ohne Irrtümer erkennen können. Unser Wahrnehmungsapparat ist dafür möglicherweise nicht ausgestattet.
ARTHUR SCHOPENHAUER (1788 – 1860) war in der deutschen Philosophie einer der ersten, der rückhaltlos behauptete: „Die Welt für mich ist Vorstellung.“

Die Welt an sich ist anders. Aber wie?
Neugier und Unruhe treiben fast jeden, nachzudenken über Art und Ziel der Welt, in die wir hineingesetzt sind. Im Lauf des Lebens bildet sich davon eine gewisse persönliche Vorstellung. wobei wir merken, dass diese meistens durchaus nicht den Vorstellungen der Mitmenschen entspricht.

Man kann sich heftig streiten über Welt-Anschauungen und ahnt dabei, dass bei soviel unterschiedlichen Sichtweisen die Wahrheit weit weg sein muss. Das beunruhigt. Wir suchen Gewissheiten über die Welt und uns und finden Unsicherheiten und Widersprüche.

Gegen diese Unsicherheit haben wir uns ein Instrument geschaffen. 

Es beseitigt zwar nicht die Widersprüche zwischen den Vorstellungen, bringt sie aber zur Anschauung: die Kunst. Ursprung der Kunst ist der Drang, die Vorstellungen von der Welt anschaubar zu machen. Anschauung festigt die schwankende Vorstellung und beruhigt darüber, sich das richtige vorzustellen.

Werke der Kunst sind wie eine Schrift, die das Weltbild einer Gesellschaft beschreibt. Man muss diese Schrift zwar lesen lernen, weil sie aus Formen und Symbolen statt aus Buchstaben besteht, aber sie fasst auf einen Blick lange Texterklärungen zusammen.

2 extreme Beispiele im Vergleich:
Die Weltbilder der beiden verglichenen Kulturen könnten nicht widersprüchlicher sein. Die eine Kultur sieht eine sinnliche Welt der Pracht und der Berechenbarkeit. Die andere sieht sich in einer Geisterwelt voll unberechenbarer Kräfte. Bei beiden Kulturen zeigt sich der gleiche Drang, durch Darstellungen der Kunst sich ihrer Weltvorstellung zu vergewissern.

1. Das Weltbild der Renaissance: Das TEATRO OLIMPICO in Vicenza
Der große Baumeister PALLADIO (1508-1580) errichtete in der Spätrenaissance Villen und Sommersitze für den Adel und die Reichen der Republik Venedig. Auf der Terraferma, dem festen Hinterland von Venedig an den Ufern der Brenta, gab es Platz, Luft und Vegetation, die dem Kunst-gebilde Venedig fehlten. PALLADIO erfand für die hohen Ansprüche der Venezianer einen klassizistischen Villen-Stil, der Jahrhunderte lang stärksten Einfluss auf die repräsentativen Privathäuser des Adels in Europa ausübte. Die Schloss- und Villen-Architektur in England wird fast vollständig bestimmt vom Palladio-Stil. Der Bestimmung als VILLA lag der Kanon der 4 kosmischen Elemente der Antike zugrunde: „Feuer. Wasser, Luft und Erde.“ „Erde“ war der reich bemessene Platz für die Villa in ihrem umgebenden Park. „Wasser“ war die Fontäne als Parkmittelpunkt. „Luft“ war die Wohltat der frischen Landschaft und „Feuer“ die reiche Sonneneinstrahlung in den weiten Fenstern der Villen-Architektur.

Nach vielen Werken für die profane und kirchliche Architektur erhielt PALLADIO gegen Ende seines Lebens, um 1580, von einer Liebhabergesellschaft in Vicenza den Auftrag zum Entwurf eines Villenartigen Theaters. Er entwarf in einem genialen Wurf das kleine Theater OLIMPICO als Holzkonstruktion in der Form eines Amphitheaters.

Das TEATRO OLIMPICO ist noch heute erhalten und bietet eine erstaunliche Attraktion, die Touristen anlockt: In der Bühnenwand des Theaters öffnet sich ein Torbogen, der einen perspektivischen Blick in eine Prachtstraße mit Stadtpalästen freigibt. Man blickt vom Zuschauerraum in die Tiefe der Straße und sieht verblüfft 30 m, vielleicht 50 m in die Tiefe, für das Auge unmessbar weit.

Diese scheinbar unendliche Tiefenflucht ist eine Illusionswirkung dank der mathematischen Zentralperspektive. Diese wurde rund hundert Jahre vor PALLADIO in Italien erfunden. PALLADIO bediente sich ihrer mit einem Trick, bei dem der Boden der Straße etwas schräg angehoben und die Reihe der Pallast-Kulissen rasch verjüngt wurde. Damit treten die optische und die tatsächliche Erstreckung weit auseinander und hinterlässt beim Betrachter ein erregendes Gefühl und einen verwirrten Verstand. Der Trick der perspektivischen Konstruktion verschafft der kleinen Bühne eine Tiefe, an die der Theaterbesucher glaubt und deren Tatsächlichkeit er sich trotz seiner Zweifel nicht entziehen kann.

Natürlich ist sie eine Täuschung.
Über die Eigenschaften der Zentralperspektive, die solche Täuschungen ermöglicht, hat der bedeutende Kunsthistoriker PANOFSKY eine Abhandlung mit der Überschrift verfasst: „Die Perspektive als symbolische Form“ Der Titel weist darauf hin, dass die Zentralperspektive keine tatsächliche Struktur der Wirklichkeit ist, sondern eine erdachte Form der Darstellung. Sie beruht auf der Annahme, dass die Sehstrahlen unserer beiden Augen parallel auf den Gegenstand zulaufen. Das tun sie nicht. Die Sehstrahlen unserer Augen umspielen unabhängig voneinander den Gegenstand, erstellen damit das Netzhautbild, welches sie, als psychologisch bedingtes Sehbild, dem Bewusstsein weitergeben.

Es gibt in der optischen Wirklichkeit keinen zentralen Fluchtpunkt, wie die Theorie der Zentralperspektive vorgibt. Die berühmte Tiefensicht von der Bühne des kleinen Amphitheaters in Vicenza ist eine mathematisch fundierte Illusion, die von der Freude der Renaissance geleitet wird, sich die Welt klar und anschaubar vorzustellen und triumphierend ihre Unendlichkeit zu demonstrieren.

Der Renaissance hatte sich die Vorstellung einer berechenbaren Welt eröffnet. Das TEATRO OLIMPICO ist ein Symbol dafür. In der Sprache der Kunst stellt sich hier das Weltbild einer experimentierfreudigen, im Reichtum ihrer neuen Erfindungen schwelgenden Epoche dar.

Ganz anders im zweiten Beispiel:

2. Das Weltbild des SCHAMANISMUS:
Statt Klarheit unentwirrbare Zauberei. Die mit Angst und Faszination am Kult teilnehmenden Betrachter sind vom Anschauen des schamanistischen Weltbildes ausgeschlossen. Angeschaut werden kann es nur vom Schamanen als Mittler zwischen einer sichtbaren und einer unsichtbaren Welt. Auch die schier unglaublichen Vorstellungen des Schamanentums drängen zur Darstellung durch die Kunst, aber mit Darstellungen, die ein anderes Verständnis erfordern.

Das Schamanentum ist eine archaische Form von Religion, die von Urzeiten an bis heute in abgelegenen Bereichen der Welt, in Sibirien, Südamerika bis in den Fernen Osten, praktiziert wird. Der Schamane ist eine bizarre Persönlichkeit, die zu vielen Interpretationen herausfordert: angeborenes Genie oder Neurotiker, kreative Persönlichkeit mit scharfem Verstand, starkem Willen, sprühender Einbildungskraft. Die oberste Aufgabe des Schamanen liegt im Öffnen einer Straße zu den über-natürlichen Mächten durch das Medium der Exstase. Grundlage des schamanistischen Weltbildes ist die All-Beseeltheit. Stein, Pflanze, Kreatur, Mensch haben eine Seele, welche belebt ist von Geistern, die in gegenseitiger Beeinflussung das Gleichgewicht der Welt erhalten.

Das Gleichgewicht wird gestört, wenn der Mensch gegen den Willen der Geister verstößt. Die Folgen sind Krankheit, Irrsinn, Armut und alle Übel beim Menschen, von denen er nicht weiß, mit welchen Verstößen er sie heraufbeschworen hat. Aufgabe des Schamanen ist es, als Heiler und Mittler zwischen der Geister- und Menschenwelt, das Gleichgewicht wieder herzustellen. Dazu muss er den gekränkten Geist auf einer Seelenreise ausfindig machen und versöhnen, damit der von einem Übel befallene Mensch wieder gesund wird.

Die Seelenreise tritt der Schamane in der Exstase an, in die er sich durch Schlagen seiner Trommel und durch Halluzinogene der Natur versetzt. Die Seelenreise ist gefährlich. Seine Seele kann verloren gehen oder geraubt werden. Deshalb hat jeder Schamane einen Schutzgeist, der ihn auf seiner Seelenreise begleitet. Der Körper des Schamanen verwandelt sich während seiner Reise in den Schutzgeist, welcher in der alt-mexikanischen und alt-amerikanischen Kunst häufig als Jaguar dargestellt wird.

So unvergleichbar die christlich-religiöse und die schamanistisch-religiöse Weltsicht sind, so unverzichtbar ist doch für beide Kulturen, ihre Welt-vorstellung in Gestaltungen auszudrücken. Entsprechend der Verschiedenartigkeit der beiden Kulturen werden dabei unterschiedliche Gattungen gewählt. Während die Renaissance ihre Vorstellungen ganz mit dem Diesseitig-Sichtbaren verbindet und, wie im Beispiel, Bauwerke und Bildwerke zur Darstellung ihrer Vorstellungen heranzieht, bildet der Schamanismus seine unsichtbare Geisterwelt in Abstraktionen ab.

Das Fell des Schutzgeist-Panters stellt sich als abstraktes Netzmuster dar. Abstrakte Muster auf Trommel und Kleidung des Schamanen stehen für die Stationen seiner Seelenreisen. Das Ornament hat sakralen Charakter. 3 Stufen am Gewandsaum stehen für die Übergänge in die drei Welten des Universums; eingestickte Bänder mit Vogel- und Fischfiguren zeigen die Anwesenheit dieser Hilfsgeister beim Schamanen auf seiner Seelenreise. Spiegel können Symbole für den Kosmos sein, in dem die Seele des Schamanen auf seiner Geistersuche umherfliegen muss; Glöckchen der Anruf an die Geister, die ihm begegnen. Jedes Attribut des Schamanen-Gewandes ist eine beseelte Kraft, die sich ihm auf seiner exstatischen Reise zur Verfügung stellt.

Eine religiöse Kultur, die sich ausschließlich auf das Unsichtbar-Geistige bezieht, wie der Schamanismus, kann sich nicht durch konkrete Dinge der Welt ausdrücken, sondern wählt die Abstraktion zur Darstellung. Die Kultur der Renaissance, die sich leidenschaftlich der Diesseitigkeit hingibt, wird die körperlose Abstraktion verschmähen und sich in der Körperlichkeit der Welt ausdrücken, wie es die Ausstattung der Theaterbühne zeigt.

Allen Weltvorstellungen ist der Drang zu ihrer Darstellung gemeinsam, weil die Anschauung des Dargestellten festigt und beruhigt.

Wenn eine Darstellung Symbolwert und Formsicherheit erreicht, wird sie Kunst.

Vorstellung drängt zur Darstellung. Für die rationalen Kräfte des Menschen führt das zum Treiben von Wissenschaft, für die emotionalen Kräfte zum Schaffen von Kunst. Wären wir uns über die Welt im Klaren, hätten wir vielleicht beides nicht – weil wir es nicht bräuchten.

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